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HARALD SCHMIDT
"Die Prügel ist genau das, was mich motiviert"
So weit muss man es erst mal bringen: Langweilige, uninformierte
Interviews ohne Interesse an den Gästen zu führen und
dann Sätze zu lesen wie: "Wenn er irgendwelchen Models
Platitüden entlockt, das ist großes, aufklärerisches
Kabarett." Oder: "Er schmeißt sich an Gäste
ran und begräbt sie unter plattem Frage- und Komplimentenschwall.
Nur seine steife Haltung signalisiert, wie distanziert er bleibt.
Das ist Demütigung auf höflich-hohem Niveau" (Zeit-Magazin).
Harald Schmidt steht für viele inzwischen kurz vor der Heiligsprechung.
"Er geht weiter als alle anderen. Und er bleibt der klügste
Komiker des deutschen Fernsehens", schrieb der Stern 2001.
Alice Schwarzer bezeichnete ihn als "gnadenlosen Aufklärer
und Moralist". Er selbst ist sich seiner Stellung inzwischen
so sicher, dass er 2001 im Spiegel Sätze sagte wie: "Tatsächlich
sind wir schon längst auf der anderen Seite des Berges. Wir
leben in einem absolut geschützten Biotop. Ich habe neulich
zu meinen Autoren gesagt, dass wir eines Tages Sat.1 auf Knien anflehen
müssen, um aufhören zu dürfen".
Lange hat es gedauert, bis er so fest im Sattel saß. Der frühere
Sat.1-Programmchef Fred Kogel hat wirklich Stehvermögen bewiesen!
Jeder andere hätte Schmidts Late Night sicher schnell aus dem
Programm geworfen - nach der vehementen Medien-Kritik (und dem mäßigen
Zuschauerinteresse) an den oft dünnen Witzen, die er mitunter
selbst anlachte, und Schmidts "Ekel-TV" (Bild): Filmen,
in denen er auf Banktresen kotzte, Nudeln aus Patienten operierte
oder als "Dirty Harry" mit Rotz Teller säuberte.
"Was der Feind nicht weiß, ist: Diese enorme Prügel,
die ich kriege, das ist genau das, was mich zweihundertprozentig
motiviert", sagte der 1,94 Meter große Moderator 1996
dem Spiegel - und setzte trotz Empörung weiter auf Polen-,
Ossi- und Flüchtlingswitze, sagte "Ja zu deutschem Wasser",
fasste Samantha Fox an den Busen, leckte Verona Feldbusch ab und
etablierte Figuren wie den Briefe-Bringer Tee, die homosexuellen
Fingerfiguren Bimmel und Bommel, den "Landtagsabgeordneten"
Dr. Udo Brömme, die dicken Kinder aus Landau, den unsichtbaren
Showgast Horst, Fahrer Üzgür oder die zwei asiatischen
Kellner Herr Wang und Herr Li, die "Weisheiten des Konfuzius"
vortrugen.
Inzwischen ist die "Harald Schmidt Show" so fest im Sat.1-Schema
etabliert, dass sich der Sohn eines Verwaltungsangestellten und
einer Kindergärterin anscheinend kaum noch dafür interessiert,
das Publikum zu bedienen. Er spielt Hamlet mit Playmobil-Figuren
nach, zählt alle französischen Departements auf, räsoniert
am Beispiel von Picasso und Cézanne über deutsche Leitkultur,
die "Synchronizität des Ikommensurablen" und die
"Paralipomena" der Spätromantik, moderiert eine ganze
Folge auf Französisch, schraubt Ikea-Möbel zusammen, färbt
betulich Ostereier oder sendet zwanzig Minuten lang im Dunkeln.
"Ich bewundere Schmidt, weil er gnadenlos nur noch das macht,
worauf er Böcke hat, teilweise total am Zuschauer vorbei. Ich
würde das nicht tun, weil mir mein Publikum nicht so gleichgültig
ist", sagte denn auch Kollege Jürgen von der Lippe. Roger
Willemsen schrieb: "Seine jüngste Errungenschaft ist der
Witz als Attrappe, die Simulation des Witzes, für den bis zum
Ausbleiben der Pointe die Humor-Vermutung gilt". Der Spiegel
kommentierte: "Mitunter gerät das im Verein mit Andrack
inszenierte Geplänkel zur bloßen Sendezeitschinderei
am Rand der Arbeitsverweigerung".
Bewusste Zerstörung von Inszenierungen
Die Erwartungshaltung der Zuschauer zu enttäuschen, das ist
indes ein Motiv, das sich durch fast die gesamte Karriere des Showmasters
zieht. Immer wieder provozierte er das Publikum oder verschwendete
unbekümmert teure Sendezeit. Er war der erste, der am heiligen
Samstagabend in "Verstehen Sie Spaß?" kommentarlos
eine Minute lang ein Metronom laufen ließ, forderte die Zuschauer
auf, eine Polonaise zu beginnen, die er dann nach wenigen Sekunden
enden ließ oder sammelte an der Garderobe Pelzmäntel
ein, die sich die Besitzer anschließend in der Show persönlich
bei ihm abholen mussten.
In der Kultshow "Schmidteinander" hatte er einst Dieter-Thomas
Heck zu Gast, der "früher kam als erwartet" - während
Schmidt gerade noch seine Gitarre holte. Gezeigt wurde dann, wie
Heck wartete, während Co-Moderator Herbert Feuerstein an seinem
Tisch saß und Akten bearbeitete. Zwischendurch - nach langen
Pausen - sagte Feuerstein Belangloses wie: "Wie war der Flug?".
Oder: "Blöd, dass er nicht komme, ne?" Schmidt schaute
derweil - in Zuspielfilmen zu sehen - durchs Schlüsselloch
an der Umkleidekabine der Tänzerinnen "Hupfdolls".
"Wenn sie ihren momentanen Launen folgen, spielen weder Zeit
noch Geld noch Personen noch irgendwelche ökonomischen Erwägungen
eine Rolle. Das ist ihre Party, die sie mit einer systematisch betriebenen
Verschwendung begehen", charakterisierte der Journalist Veit
Sprenger das Konzept von "Schmidteinander". Ein anderer
bezeichnete die anarchische Show als "Unterhaltung für
geistig Verwahrloste".
Zu einem weiteren Markenzeichen Harald Schmidts wurde sein Spiel
mit dem Medium - die bewusste Zerstörung von Inszenierungen.
Verwechselte er in der "Harald Schmidt Show" aus Versehen
die Reihenfolge zweier Witze, die aber nur in der ursprünglichen
Reihenfolge wirkten, sagte er in der Aufzeichnung: "Nee, das
muss ich noch mal machen. Sie tun bitte so, als hätten Sie´s
noch nie gehört." Dann sprach er sich kurz mit der Regie
ab und beschloss, die Szene doch nicht noch einmal zu wiederholen
- was dann genauso gesendet wurde. Dass die scheinbare Live-Sendung
bereits um achtzehn Uhr aufgezeichnet wird, ließ er immer
wieder durch Sätze durchscheinen wie: "Waren das wieder
Ergebnisse im Europapokal." (kurze Pause, aber keine Reaktion
im Publikum) "Sie sind noch ganz gelähmt? Nein, Sie kennen
die Ergebnisse noch nicht, denn wir zeichnen pünktlich um achtzehn
Uhr auf".
"Aufmüpfigkeit gegenüber dem eigenen Medium"
und "Offenbarungsgesten" nannte das ein Kritiker. Ein
breites Publikum ließ sich auf Dauer mit dieser ironischen,
selbstreflektorischen Herangehensweise allerdings nicht binden.
Schmidts letzte Folge als Showmaster bei "Verstehen Sie Spaß?"
erzielte nur noch eine Quote von 4,82 Prozent! "Eine Zeitlang
war ich davon überzeugt, dass das Volk danach lechze, mich
am Samstagabend zu sehen. "Verstehen Sie Spaß?"
hat mir wieder etwas Demut zurückgegeben. Zum Schluss hatte
ich fünftausend gegen mich in der Halle. Das war nicht unanstrengend
", kommentierte er diese Nischen-Beliebtheit später selbst.
Und: "Ich war zwar genau der richtige Mann für diese Show,
aber das Publikum hat es nicht gemerkt".
Als Kind litt er unter dramatischen Gesichtszuckungen
Wie umstritten sein Nicht-Scheren um den Publikumsgeschmack auch
redaktionsintern war, zeigt eine Bemerkung in Karl Moiks Autobiographie:
"Ich werde nie vergessen, wie mir die Redakteurin vorher sagte:
Wissen Sie was? Gehen Sie raus und machen Sie ihn fertig",
erinnerte er sich an seinen Auftritt kurz bevor Harald Schmidt durch
Dieter Hallervorden ersetzt wurde.
Harald Schmidt hat durch seine Boshaftigkeit und seinen Sarkasmus,
durch das Verschieben der Humor-Schmerzgrenze (Kurt Felix: "Jux-Lümmeleien")
und durch seine Distanz zur "Fernsehmaschinerie" Spuren
in der Fernsehgeschichte hinterlassen. Unvergessen, wie er einst
in "Schmidteinander" einen Eimer voller Fliegen öffnete
und die Insekten in die Freiheit entließ (noch Tage später
flogen sie bei anderen WDR-Sendungen durchs Bild). Legendär,
wie er in "Gala" die Auskunft anrief und nach der Telefonnummer
von Jürgen Möllemann in Münster fragte - woraufhin
der inzwischen verstorbene Politiker mit Anrufen bombardiert wurde.
Revolutionär, wie er in "Schmidteinander" mit einer
Mini-Kamera seine Zähne zeigte, eine Blaskapelle über
einen Friedhof laufen ließ oder zusammen mit Feuerstein auf
einer Parkbank saß, Zeitung las und sich - während "Alle
Vögel sind schon da" zu hören war - kommentarlos
mit "Vogelscheiße" überschütten ließ
(ein ganzer Eimer voll gefärbter Sauermilch mit eingerührten
Gipsbrocken).
"Ohne die Show würde ich ziemlich schnell anfangen zu
saufen", sagte Harald Schmidt 2001 im Stern über seine
aktuelle Tätigkeit. Und im selben Jahr im Spiegel: "Ich
mache es eigentlich gegen die Langeweile". Bekannt ist ansonsten
über ihn, dass er sich davor ekelt, angefasst zu werden, unfähig
ist, Freundschaften zu pflegen ("Bei mir läuft halt den
ganzen Tag die Show im Kopf"), nicht fähig ist, Aggressionen
nach Außen zu lassen, häufig in die Kirche geht, einen
Jaguar fährt, Mitglied des FC Bayern München ist, sein
Privatleben als spießig bezeichnet ("Im Chaos könnte
ich nicht leben") und zuhause einen Steinway-Flügel stehen
hat .
Als Kind litt der heutige Hypochonder unter dramatischen Gesichtszuckungen
und wurde in die Kinderpsychiatrie nach Tübingen gefahren.
Als Schüler erwarben er und drei Kumpels sich bei den Lehrern
den Spitznamen "Terrorgruppe": "Ich war permanent
im Training, habe auf dem Pausenhof kommentiert, wer einen neuen
Parka, eine neue Mütze, eine neue Frisur oder eine neue Freundin
hatte", so Schmidt. "Wir standen zu viert und hatten selbstverständlich
alle keine Freundin. Das war Imponiergehabe, weil ich mit Mädels
Schwierigkeiten hatte. Hätte ich bei den Bundesjugendspielen
viertausend Punkte gemacht und keine Akne gehabt, hätte ich
keine Witze machen müssen." Der Eindruck, den er hinterließ,
war für die damaligen Mitschüler indes so traumatisch,
dass zu der ZDF-Sendung "Klassentreffen" mit ihm nur sieben
von ihnen erschienen - woraufhin das Bühnenbild verkleinert
wurde!
Nach seinem Zivildienst im Pfarramt von Nürtingen absolvierte
der langjährige Messdiener, Chorleiter und Organist (C-Prüfung
für Kirchenmusik und Orgeldiplom) ab 1978 die Stuttgarter Schauspielschule
und spielte anschließend drei Jahre lang am Augsburger Stadttheater.
Aus Frust über die "gnadenlose Scheiße" bewarb
er sich 1983 an der Henri-Nannen-Journalistenschule, scheiterte
jedoch in der Endausscheidung - was er mit dem Satz kommentierte:
"Für den Verlag Gruner + Jahr tut es mir leid: Ich hätte
den Stern retten können".
1984 bis 1989 war er Ensemblemitglied des Düsseldorfer Kabaretts
Ko(m)mödchen, wo er 1985 auch sein erstes Soloprogramm "Ich
hab schon wieder überzogen" aufführte. Um zusätzlich
ins Fernsehen zu kommen, zeltete er dann vor dem WDR und lauerte
den Redakteuren mit seinen Sketchen in der Hand in der Tiefgarage
auf, wie er berichtet. Erstmals im Fernsehen zu sehen war er als
Leiter der Pseudoquiz-Sendungen "MAZ ab" (ab 1998) und
"Pssst" (1990), in denen er zum Schein vorgab, für
Ordnung zu sorgen, während immer neue Debakel passierten. Ein
Prinzip, das in den Abendshows "Gala" dann perfektioniert
wurde: Unter der normalen Oberfläche brach der Wahnsinn aus.
Privat spielt er Klassik am Steinway-Flügel
Heute sagt Harald Schmidt nun über sich: "Mein Größenwahn
ist, dass ich mich für den größten Entertainer der
Zeitgeschichte halte." Ausgezeichnet wurde er für seine
Late-Night-Show u.a. mit dem Grimme-Preis, dem Medienpreis für
Sprachkultur und dem Deutschen Fernsehpreis.
Neben der Moderations- und Kabarett-Tätigkeit schrieb Harald
Schmidt lieblose Kolumnen für TV Spielfilm, ist als Kolumnist
für Focus tätig, spielte Theater ("Warten auf Godot",
2001; "Die Direktoren", 2002) und war in Helmut Dietls
Kinofilm "Late Night" (1999) zu sehen. 1998 gründete
er seine eigene, achtzigköpfige Produktionsfirma Bonito. Für
Auftritte auf Betriebsfeiern und Messen, meldete das Wirtschaftsmagazin
Impuls 2002, kassiert er mittlerweile bis zu einhunderttausend Euro.
"Sollte sich Harald Schmidt irgendwann einmal über die
Zeit nach seiner Late-Night-Show Gedanken machen, hätte ich
einen Wunsch: Er möge bitte die Seiten wechseln und Journalist
werden. Am besten politischer Kommentator", sagte Sandra Maischberger
im Jahr 2001. "Er erkennt Themen und kann sie auf den Punkt
analysieren. Sein Verstand ist so zugespitzt, dass er viel zielgenauer
trifft als andere. Sein Verstand, seine Bildung, sein Humor - wie
viele von uns Journalisten haben schon solch ein Potenzial?".
Schmidt selbst sagt über die Zeit nach der "Harald Schmidt
Show": "Wenn diese Sendung zu Ende sein sollte, ist Schluss
mit Fernsehen". Mustergültig sei für ihn der Abgang
des amerikanischen Talkers Johnny Carson: "Er sitzt alleine
auf dem Hocker, dann blendet es durch, wer über diese dreißig
Jahre zu Gast war - natürlich alles Leute aus der Bibel des
Showgeschäfts. Und dann sagt Carson: Vielen Dank, dass ich
ihr Gast sein durfte. God bless you. Good night".
Harald Schmidt lebt zusammen mit der Kunsterzieherin Ellen Hantzsch
und ist Vater von drei Kindern namens Robert, Nele und Peter.
Homepage: www.harald-schmidt-show.de,
geboren: 18.08.1957 in Neu-Ulm
Moderierte Sendungen:
MAZ ab! (N3/WDR, 1988/89; ARD 1989/90), Pssst... (WDR, 1990), Schmidteinander
(WDR, 1990-93; ARD, 1994/95), Gala (ARD, 1991), Verleihung des Adolf-Grimme-Preises
(1992), Verstehen Sie Spaß? (ARD, 1992-95), Harald Schmidt
Show (SAT 1, seit 1995), Mc Schmidt Studio (SAT 1, 1998)
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