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NIELS RUF
Einer der wenigen, der Anlass zu Handgreiflichkeiten gibt
Pflegeversicherung und Flegelversicherung: Niels Ruf könnte
beides gut gebrauchen. Er ist einer der wenigen Moderatoren, die
sich so provokativ verhalten, dass Gäste oder Befragte auch
mal handgreiflich werden.
Zu den witzigsten Szenen gehört, wie ihm ein Ehemann wütend
ein Glas Bier über den Kopf goss, nachdem er dessen Frau bei
einer Miss-Germany-Wahl als Miss Lifting bezeichnet hatte. Ein Transsexueller
(Gloria Gray), den er hinter den Kulissen einer Musiksendung beiläufig
gefragt hatte: "Verdienst du dir hier die letzten Raten für
den Totalumbau?", schüttete ihm Sekt ins Gesicht, sprang
erbost auf und rannte dem flüchtenden Moderator hinterher.
Den ehemaligen Talkshow-Schreck Nina Hagen brachte Ruf Ende 2000
sogar dazu, "Boulevard Bio" zu verlassen. Im Interview
hatte die Sängerin sichtlich betroffen erzählt, wie sie
das Sorgerecht für Sohn Otis gegen den in Kalifornien lebenden
Vater verteidigt hat, der das Kind einige Wochen zuvor entführt
hatte. "Als Anwalt des Zuschauers muss ich ja die Fragen, die
jetzt jedem im Kopf herumschwirren, dann doch mal stellen",
sagte Ruf daraufhin. "Also: Wie alt ist Nina Hagen? Ist das
alles echt? Und: Wäre der Sohn nicht vielleicht doch lieber
in Kalifornien als in Kreuzberg geblieben?". Als Nina Hagen
ihn dann vorführen wollte, indem sie sagte: "Der moderiert
doch nur, weil er nicht Gitarre spielen und singen kann", konterte
er: "Das ist doch für dich auch kein Grund, es nicht zu
machen." Und als sie nachsetzte: "Der ist halt noch sehr
jung", entgegnete er: "Du warst doch früher auch
mal jung, Nina". Einige Wortgefechte später sprang sie
dann wütend auf: "Ich geh jetzt."
"Darf ich mal mein Glied in Ihrem Mund entsorgen?"
Die Grundhaltung von Niels Ruf ist immer gleich - egal, ob er Moderator,
Interviewer oder Talkgast ist. Der Zuschauer sitzt zuhause und denkt:
Das wird er doch jetzt nicht tun. Der wird doch nicht wirklich eine
Hostess auf der Entsorgungsmesse fragen: "Darf ich mal mein
Glied in ihrem Mund entsorgen?". Er wird doch nicht die Ex-Pornodarstellerin
Gina Wild, die früher Behindertenkrankenschwester war, fragen,
wie behindert genau die betreuten Kinder waren (und zur Verdeutlichung
verschiedene Varianten vormachen). Er wird doch nicht auf eine Katzenmesse
gehen und die Züchter ernsthaft über glattrasierte und
enge Muschis interviewen. Und er wird doch nicht wirklich eine hübsche
Frau mit großen Brüsten die ganze Sendung lang auf einem
Trampolin springen lassen.
Vor allem diese Behandlung von Frauen in "Kamikaze" sorgte
immer wieder für Proteste: Folge für Folge lag eine sehr
attraktive Frau - das "Kamikätzchen" - neben ihm
auf dem Boden, räkelte sich, ließ sich mit Gummimäusen
füttern (Ruf: "Du bist ganz hungrig, ich seh´s an
deinem geilen Blick") und schnurrte, wenn sie gekrault wurde.
"Frauenfeindlich", empörten sich immer wieder Landfrauenverbände.
Andere Kritiker warfen Ruf "krampfhafte Tabubrüche",
"widerlichen Umgang mit Mitmenschen" und "Sammelumkleidenkabinen-Niveau"
vor. "Er bedient mit Fäkal- und Schwanzhumor vor allem
pubertierende Jungs", so Medienkritiker Arno Frank. Ex-Moderator
Boris Henn kommentierte: "Ich habe den Eindruck, er sieht das
Leben wie ein Computerspiel, in dem er einfach auf Menschen ballern
kann - ohne jede Konsequenz". Gefährlich sei das vor allem
deshalb, weil viele Zuschauer das Gesagte eins zu eins nähmen.
Ein Vorwurf, den Niels Ruf nicht gelten lässt: "Das finde
ich arrogant. Warum sollen die Leute, die das Programm schauen,
grundsätzlich dümmer sein als die, die es machen? Natürlich
checken die das."
"Widerlicher Umgang mit Mitmenschen"
"Kamikaze" war der Versuch, "das Lebensgefühl
von Bands wie Metallica und Monster Magnet rüberzubringen",
so Ruf - eine Sendung, die ihm gefehlt habe, als er sechzehn war.
"In erster Linie ist es lustig, weil man das eigentlich nicht
tut", erklärte er das Konzept in der Sendung "Das
schwarze Schaf": "Viele übersehen die zweite Ebene:
Der Typ gibt ja zu, dass er ein Mädchen bezahlt, damit sie
da liegt und die Klappe hält. Das ist lustig, weil man es in
echt nicht macht. Und was ist entwürdigender: Wortlos Buchstaben
umzudrehen oder wortlos gar nichts zu tun? Ich bin
nicht frauenfeindlich - ich persifliere Frauenfeindlichkeit."
Auch mit vielen Interview-Situationen betrat er Neuland: Die Fantastischen
Vier zerlegten während des Gespräches ein Hotelzimmer,
mit Busta Rhymes sprach er in einem Puff, während der Rapper
gerade im Whirlpool ein Glas Sekt mit zwei Prostituierten trank,
und mit der Metalband Slipknot setzte er sich an eine festlich gedeckte
Kaffeetafel.
Vor "Kamikaze" war Niels Ruf Pressesprecher bei einer
Videospiel-Firma. Über diesen Job knüpfte er Kontakt zum
ZDF, dessen Videospielshow "X-Base" er 1994 moderierte
- damals noch mit langen Haaren und Brille. 1996 gestaltete er eine
Trash-Talkshow im DSF. Parallel war er in Sönke Wortmanns Remake
von "Charleys Tante" in Sat.1 zu sehen. "Kamikaze",
das er seit 1998 moderierte, wurde im Herbst 2001 im Zuge einer
Bild-Kampagne gegen Ruf eingestellt. Ende 2001 erschienen resümierend
sein Internettagebuch als Buch sowie ein Best Of auf DVD.
Anschließend schrieb Niels Ruf, dessen Hobbys Nichtstun und
Schlafen sind, ein Jahr lang Kolumnen für Maxim, führte
weitgehend witzlos durch die Versteckte-Kamera-Sendung "Dumm
erwischt", ging auf Promotion-Tour für den Kräuterschnaps-Hersteller
Jägermeister, veröffentlichte eine CD, produziert mit
seiner Firma Weltruf Werbung, Videoclips sowie Image- und Industriefilme,
verbreitet auf Megaradio "60 Sekunden Hass" und hat den
Kopf voller Pläne. Einer davon: "Ich werde mich zu einem
guten Christen wandeln und ein Schwulenmagazin moderieren."
Homepage: www.niels-ruf.de,
geboren: 21.05.1973 in Worms
Moderierte Sendungen:
X-Base (ZDF, 1994), Niels Ruf (DSF, 1996), Kamikaze (VIVA 2, 1998-2001),
Dumm erwischt (RTL-2, 2002)
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