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JÜRGEN FLIEGE
"Etwas tun, um die Welt erträglicher zu gestalten"
Scheinbar ist Jürgen Fliege ein einfühlsamer Seelsorger,
der sich ernsthaft mit Menschen und ihrem jeweiligen Lebensthema
auseinandersetzt. Er wendet sich seinen Gästen zu, kommt ihnen
körperlich sehr nahe, hört mit leicht geneigtem Kopf aufmerksam
zu, sagt ab und zu nachdenklich "hmm", und wenn er mit
Kindern redet, ermutigt er sie gerne mit Sätzen wie: "das
finde ich ganz irre gut". Am Schluss des Gesprächs legt
er ihnen in der Regel ein Plüschlamm auf den Schoß und
sagt dazu "Sei behütet" o.ä. Hin und wieder
setzt er sich auch zu Füßen seiner Gäste oder hält
ihre Hand. Den Zuschauern gibt er zum Schluss jeder Talkshow eine
einprägsame Sentenz mit auf dem Weg - beendet mit dem zum Erkennungszeichen
gewordenen Satz "Passen Sie gut auf sich auf": eine zeitgemäße
Form des liturgischen Segens, wie er es nennt.
Anscheinend sehen viele Zuschauer jedoch etwas anderes in ihm. "Das
ist der erste Talkshowmoderator, der mehr redet als seine Gäste",
lästerte Kollege Jörg Pilawa über den Kaufmannssohn.
Sozialwissenschaftler Dr. Martin Henkel schrieb in einer Studie:
"Jürgen Fliege wirkt manchmal, als sei er gerade eben
einer Männergruppe entsprungen; der im Gefolge der Frauenbewegung
konzipierte Softie ist seine Paraderolle." Ein Psychologe in
der Bild am Sonntag kommentierte das Kauern auf den Treppen: "Solche
Sitzhaltungen sollen bescheiden wirken, bedeuten in Wirklichkeit
aber: Ich bin der Hauptdarsteller." Andere Kritiker unterstellten
Fliege aufgesetztes Pathos und Bigotterie. Das einzige, woran ihm
liege, sei die Selbstdarstellung: "Seine unverkennbare Eitelkeit
ist das Authentischste an seinen Auftritten", so Martin Henkel.
Hin und wieder rudert er auf einen See, versenkt Zuschauerpost
und bittet um Gottes Hilfe
Dass Jürgen Fliege es gern pathetisch mag, da zumindest ist
auf jeden Fall etwas dran: Die Redaktion erhalte mitunter zehntausend
Briefe an einem Tag, erzählte er beispielsweise in einem Interview.
Da die Beantwortung nicht zu bewältigen sei, rudere er manchmal
auf einen See hinaus, versenke die Post und bitte um Gottes Hilfe.
Ansonsten hebt er sich von anderen Talkmastern vor allem dadurch
ab, dass er regelmäßig auf denselben Punkt zusteuert:
"Hör auf die Botschaft. Achte darauf, was das Erlebte
mit dir macht und wie du es nutzen kannst." Unfälle beispielsweise
sieht er nie als Zufall, sondern als Ereignisse, die etwas zu bedeuten
haben. Oft deutet er sie als Strafe für vorheriges negatives
Verhalten, die auf den rechten Weg zurückgeführt hat.
Anschließend fordert er seine Gäste stets auf, die neue
Chance anzupacken. "Wo können wir an einer Hoffnung teilnehmen?",
fragt er, sucht nach Ermutigungen, die auch gern mal eine schönrednerische
Tendenz aufweisen. Eine Art zupackende Seelsorge, die er selbst
als "größte Selbsthilfegruppe in unserem Land"
bezeichnet.
Entdeckt als Moderator wurde Fliege auf Kirchentagen. Zunächst
gestaltete er eine Kolumne auf Sat.1, dessen Programmbereichsleiter
für Kultur und Gesellschaft er 1990 wurde. Als er nach neun
Monaten die Kündigung erhielt, betätigte er sich zwei
Jahre als freier Radiomoderator und Autor von Kinderfilmen. Sein
Kollege Johannes C. Weiß, den er aus Sat.1-Tagen kannte, holte
ihn schließlich zur ARD.
In den Jahren zuvor hatte der dreimal Sitzengebliebene evangelische
Theologie studiert, für seine Examenspredigt jedoch eine Sechs
erhalten: "Das war die einzige Möglichkeit, um mir den
Zugang zum Pfarramt zu verwehren", kommentierte er in einem
seiner Bücher - andeutend, dass die verknöcherte Kirche
ihm ein Berufsverbot erteilt habe. Anschließend fuhr er ein
Jahr lang achtunddreißig Tonnen schwere Lkw, wurde dann aber
doch noch Gemeindepfarrer in Düsseldorf und Essen.
Die Pfarrstelle, die er anschließend ab 1977 in Aldenhoven
antrat, erschien ihm nicht optimal - obwohl er die Stelle zu ungewöhnlichem
Engagement genutzt hatte, etwa einer alternativen Senioren- und
Jugendarbeit, Einsatz für Landstreicher und Drogenabhängige
und spektakulären kirchlichen Großveranstaltungen. "Ich
wollte kein Kirchentheologe werden", begründete er dann
jedoch seinen Abschied. "Ich wollte immer schon Straßentheologe
sein." Nach zwölf Jahren legte er die Tätigkeit nieder
und arbeitete vorwiegend im Auftrag der Evangelischen Kirche bei
verschiedenen Fernseh- und Hörfunkstationen.
"Ein mit allen Weihwassern gewaschener Moderator"
(Stern)
Heute äußert er sich in Interviews gern kirchenkritisch.
In dem 1997 veröffentlichten Buch "Kirchenbeben"
veröffentlichte er Sätze wie: Wir müssen, "bevor
wir Kommunikation machen, uns erst mal über das Produkt unterhalten,
das da sonntags angeboten wird. Und das ist scheiße von hinten
bis vorn. Das ist durch die Bank menschenverachtend." Seine
Talkshow betrachtet er als sinnvollere Art, Seelsorge zu leisten.
"Wenn im Jüngsten Gericht gefragt wird, wer etwas getan
hat, um die Welt erträglicher zu gestalten, dann will ich die
Hand heben können", berichtete er 1995 dem Rheinischen
Merkur. In einem Buch betonte er: "Ich gehe ins Fernsehen,
um die Menschen zu verändern."
Neben der Talkshowtätigkeit moderierte er im Radio, schreibt
eine Kolumne in Bild der Frau und geht in Spezialausgaben seiner
Sendung auf "Spurensuche". 1999 gründete er ein privates
Institut für Seelsorge und Kommunikation zur Fortbildung von
Pfarrerinnen und Pfarrern. Seit dem Herbst 2002 erscheint "Fliege
- die Zeitschrift". "Wenn die Sendung mein Wartezimmer
ist, so soll die Zeitschrift mein Sprechzimmer sein", skizzierte
der "Menschenflüsterer" (Selbsteinschätzung)
das Konzept.
Zusätzlich veröffentlichte er fast vierzig Bücher:
darunter "Man spricht nur mit dem Herzen gut" (1993),
"Lieber Jürgen Fliege" (1995), "In hellen und
in dunklen Tagen" (1996), "Komm und folge deinem Herzen"
(1996), "Passen Sie gut auf sich auf" (1996), "Alles
wird wieder gut" (1996), "Der Menschenflüsterer.
Schutzlose Erinnerungen" (2000), "Das Leben sorgt für
dich" (2000), "Sanfte Medizin bei Fliege" (2001),
"Zeit, sich anzulehnen" (2001) und "Lebendige Trauer"
zusammen mit Fritz Roth (2002).
Wie könnte die Nachfolge eines solchen "mit allen Weihwassern
gewaschenen" (Stern) Talk-Moderators aussehen? Martin Henkel
hat keine Zweifel: "Ich bin sicher: Wenn Jürgen Fliege
seine Show einmal abgeben muss und nach einem geeigneten Nachfolger
gefragt wird, wird er antworten: Wie wär´s mit Gott?".
Jürgen Fliege ist geschieden und hat zwei Töchter namens
Miriam und Johanna.
Homepage: www.juergen-fliege.de,
geboren: 30.03.1947 in Radevormwald
Moderierte Sendungen:
Fliege (ARD, seit 1994), Fliege antwortet (ARD, 1995/96)
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