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GÖTZ ALSMANN
"Ich habe mir mit Fingernägeln eine eigene Nische
gegraben"
Götz Alsmann hat schon bei vielen Sendern gearbeitet - und
keinen hat er freiwillig verlassen. Ein Redakteur von Rias-TV sagte
ihm: "Hey, Götzi, wir machen Jugendfernsehen, guck mal
in den Spiegel". Andere bedauerten zerknirscht: "Ja, die
Quoten. Tut uns leid, da können wir nichts mehr machen"
- und bei Vox wurden schließlich alle selbstproduzierten Magazine
eingestellt. Seit 1996 hat der promovierte Musikwissenschaftler
(Doktorarbeit über die Entwicklungsgeschichte des Rock´
n ´ Roll in Amerika) nun jedoch ein dauerhaftes Betätigungsfeld
gefunden: "Zimmer frei" im WDR - eine komplett improvisierte
Talk- und Spielshow gemeinsam mit Christine Westermann, in der es
eine klare Rollenverteilung gibt: "Sie führt Gespräche,
ich werfe mit den Nüssen".
Nicht nur in dieser Sendung bewies Alsmann, dass er einer der wenigen
Entertainer im deutschen Fernsehen ist: Schnell, unterhaltsam und
unpenetrant. Charmant, einfallsreich und wagemutig. Er kann gut
Klavier spielen und smart singen, bewegt sich geschmeidig und legt
zusätzlich auch noch Wert auf Stil. Bereits mit vierzehn trug
er Tolle, Hillbilly-Koteletten und einen Anzug mit Krawatte und
Button-down-Hemd: "damals so ungefähr das Abgesagteste,
was man sich vorstellen konnte. Bei Sonnenwetter schwirrten oft
Insekten um mich herum, weil meine Pomade nach Zitrusfrüchten
roch". Dennoch blieb er dem Stil bis heute treu - wenn auch
inzwischen Haarspray die Pomade ersetzt hat.
Ersten Klavierunterricht nahm Alsmann bereits mit acht. Ab vierzehn
tingelte er dann als Bandleader der Heupferd Jung Band durch verschiedene
Clubs: "Da sang man ein dreiminütiges Lied, leitete es
aber durch eine zehnminütige Ansage ein. Ich stand da als frecher,
egomanischer Teenager, und irgendwann haben wirklich zwei oder drei
Zuschauer gelacht. Später habe ich Geschichten improvisiert
oder mit den Leuten geredet. Daraus ist alles entstanden."
Neben dem Klavier beherrscht er inzwischen auch Ukulele und Banjo
- was ihn u.a. in der "NDR Spätshow" flexibel agieren
ließ: "Wenn ein Gespräch mal nicht so lief, bin
ich einfach zum Klavier gespurtet oder habe die Ukulekele rausgeholt".
Während der Plaudereien mit seinen Gästen schnitt er gern
Grimassen, um dem Zuschauer zuhause seinen Gemütsstand zu vermitteln:
"Mensch toll", sagte er dann beispielsweise euphorisch
über die unspektakulären Erzählungen - und verzog
gleichzeitig sein Gesicht. "Anarchisch" fanden das viele
Kritiker. Der Spiegel bezeichnete ihn 1996 als "Mischung aus
Paul Kuhn und dem MTV-Witzbold Ray Cokes" - vor allem wegen
seiner Art, mit der Kamera zu spielen. Und Roberto Blanco war über
seine Darstellung in der Show anschließend so sauer, dass
er fast die komplette Garderobe auseinandernahm.
"Die Wildecker Herzbuben saßen rum und zerflossen
in der Studiohitze"
"Zimmer frei", in dem Prominente ihre WG-Tauglichkeit
beweisen müssen, wurde dann schließlich noch unberechenbarer.
Die Gäste dürfen vorher nur angeben, was sie nicht gern
machen würden. Anschließend geraten sie dann aber in
andere Situationen, die viele von ihnen dann sicherlich beim nächsten
Mal angeben werden. Bisheriger Höhepunkt: Guido Westerwelle,
wie er (in Erinnerung an seine Jugendzeit) mit Hippieperücke
und Bundeswehrparka am Lagerfeuer saß und Lieder singen sollte
- völlig überfordert, weil er sich nicht auf politische
Statements zurückziehen konnte. Großartig auch Rolf Zacher,
der in seiner aggressiven Art nach einer halben Stunde zu Götz
Alsmann sagte: "Eijh, hör mal, du da mit der Brille, wie
heißt du eigentlich?". Alsmann antwortete: "Fred"
und wurde konsequent den Rest der Sendung lang Freddie genannt.
Eine unvorhersehbare Sendung - allerdings auch im negativen Sinne.
So verschwand eine Folge mit den Wildecker Herzbuben ungesendet
im Archiv, weil die beiden zu langweilig waren: "Die saßen
rum und zerflossen in der Studiohitze", erinnert sich Alsmann.
Erst ein Jahr später wurde die Folge dann in einer "Zimmer
frei"-Nacht zusammen mit anderen bislang ungesendeten gezeigt.
"Prall gefüllte Wundertüte". So nannte die taz
Götz Alsmann. Das große Publikum konnte er bislang dennoch
noch nicht erobern. "Einige Fernsehgewaltige sagen: Die Leuten
lieben dich, aber nur dreißig Prozent von ihnen; siebzig Prozent
finden dich zum Kotzen", erklärte er 2001 in einem Stern-Interview.
Und ergänzte: "Ich habe mir mit Fingernägeln eine
eigene Nische gegraben." Vier Jahre zuvor hatte er bereits
in einem Gespräch mit TVmovie erkannt: "Ich bin mittlerweile
das älteste Wunderkind der Welt. Dieses Jahr werde ich vierzig,
und es freut mich, wenn man immer noch der Meinung ist, dass ich
ein tolles junges Talent bin".
Inzwischen scheint es allerdings so, als ob Alsmann gute Chancen
hätte, das "große Publikum" doch noch zu knacken.
Die ungezwungene Art, mit der er durch die Galas zur Verleihung
des Deutschen Filmpreises und des Grimme-Preises führte und
die Flexibilität, mit der er die Gala zur Enthüllung des
restaurierten Brandenburger Tores gestaltete, zumindest, stießen
auf großes Lob von allen Seiten.
Zweites Standbein des Entertainers, der auch als dynamischer Präsentator
der "Gong-Show" für Aufsehen sorgte, ist nach wie
vor die Musik. Rund einhundertzwanzig Konzerte absolviert er Jahr
für Jahr mit der Götz-Alsmann-Band. Einen Jazz Award erhielt
er für die Jazzschlager-CDs "Gestatten Götz Alsmann"
(1997), "Zuckersüß" (1999) und "Filmreif"
(2002). Zusätzlich veröffentlichte er CDs mit Rockabilly,
Calipso, Pop und Easy Listening. Die bislang letzte Veröffentlichung
hieß "Tabu" (2003).
Und? Wie sieht es mit den Rentenplänen aus? Hat er sich schon
nach einem Tollentoupet umgesehen? "Also wenn sich wirklich
der Haaransatz weiter Richtung Nackenknorpel verschieben sollte,
dann werde ich dafür sorgen, dass auch der Rest verschwindet",
antwortet Alsmann. "Unser Bassist, der immer den meisten Applaus
von den Frauen bekommt, steht auch zu seiner Glatze."
Auch privat beherrscht Musik das Leben des Familienvaters. Rund
zehntausend Platten hat er archiviert. Nicht selten hört er
stundenlang Musik: "Frankie Lanes Version von But Beautiful
ist glaube ich das Absolute. Da muss ich die Tür zumachen",
erzählt er über Songs, die ihn zum Weinen bringen. Ausgewählte
Raritäten präsentiert er montags abends auf WDR 4. Bereits
kurz nach seiner Dissertation 1984 hatte er im Westdeutschen Rundfunk
moderiert ("Jazz for sale", 1985-88; Prof. Bop 1986-95).
Als Schauspieler war er 1996 in der NDR-Komödie "Alles
wegen Robert de Niro" an der Seite von Angelika Milster zu
sehen. 1999 und 2002 spielte er auf den Städtischen Bühnen
in Münster Theater: die Öffentliche Meinung in "Orpheus
in der Unterwelt" und eine Rolle in Kurt Weills Operette "Kuhhandel".
2002 erschien das von ihm gelesene und musikalisch begleitete Hörbuch
"In achtzig Tagen um die Welt". Götz Alsmann ist
verheiratet und hat einen Sohn.
Homepage: www.goetz-alsmann.de,
geboren: 1957 in Münster
Moderierte Sendungen:
Roxy (WDR, 1986-90), High Live (RIAS-TV, 1990-93), Gong-Show (RTL,
1992), Avanti (VOX, 1993-94), NDR-Spätshow (NDR, 1994/97),
NDR-Silvester-Show (NDR, 1994/95), Das musikalische Quintett (VH-1,
1995), Zimmer frei (WDR, seit 1996), Götz Alsmann Show (ARD,
1997), Casino Royal (WDR, 1997), Gala zur Verleihung des deutschen
Filmpreises (PRO 7, 2000/01), Enthüllung des Brandenburger
Tores (ZDF, 2002), Gala zur Verleihung des Grimme-Preises (3sat,
2002)
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